Mit kleinen Veränderungen ist dieser Text Grundlage eines Radiofeatures zur Geschichte der Popmusik, das im März 2004 vom Studentenradio Kölncampus (http://www.koelncampus.com) in fünf Teilen gesendet wurde
Teil 1: Die 50er Jahre
Es ist ein reichhaltiger Nährboden, auf dem im Amerika der frühen Fünfziger Jahre die unheilvolle Saat des Teenagers zu keimen beginnt! Schnell wuchs aus dem Keim ein Baum heran, dessen Äste sich bald unkontrolliert verzweigen sollten. Nach dem 2. Weltkrieg hielt in einer Phase materiellen Wohlstands und wirtschaftlicher Prosperität der Konsum Einzug. Neben Blue Jeans, Petticoat, Haarpomade, Coca Cola und Kaugummi wurde unter den Jugendlichen eine neue Musikform konsumiert, der Rock ‘n’ Roll. In der Hauptsache setzte er sich aus Elementen der afro-amerikanischen Rhythm ‘n’ Blues-Musik (R&B) zusammen, einem Ableger des Jazz, der vom harmonischen und melodischen Ablauf her stark standardisiert war. Deren Vertreter waren beim weißen jungen Publikum durchaus beliebt. Schwarzer R&B, nachgesungen von weißen Interpreten mit Texten für ein weißes Publikum, ließ sich wunderbar vermarkten.
Die alte Zeit wurde ausgezählt. Im Jahr 1955 schlägt Bill Haleys Rock around the Clock wie eine Bombe ein. Die Platte erreicht am 9. Juli erstmalig Platz Eins der Billboard Charts. Größen wie Jerry Lee Lewis oder Buddy Holly und der farbige Chuck Berry springen auf den Siegeszug des Rock ‘n’ Roll mit auf. Elvis Presley aus Mississippi kokettiert mit sexuellen Reizen vor dem Publikum und versetzt mit seinem Hüftschwung die weiblichen Fans in Extase und deren Väter in Rage. Hound Dog macht ihn 1956 zum Star. Aber auch andere seiner legendären Songs erfreuen sich mit überwiegend bluesartigen Harmonien größter Beliebtheit. Kultfilm der Rock ‘n’ Roll begeisterten Teenager wurde damals Nicholas Rays Rebel Without a Cause/Denn sie wissen nicht was sie tun, mit James Dean in der Hauptrolle. Der Film bietet in Amerika Anlass zu einer heftigen Diskussion über die Jugend als Problem. Die Rock ‘n’ Roll-Welle schwappte auch über den großen Teich nach Europa und riss dort einige „Halbstarke” mit sich, was die Welt der Erwachsenen mit Verwirrung und Hilflosigkeit aufnahm. Von „Negermusik”, „Kult- und Kriegstänzen des Urwalds” ist da die Rede, von „archaischer Dumpfheit und passiver Raserei”. Rock ‘n’ Roll aus der Musicbox in der Milchbar wurde damals mit Ausschweifungen gleichgesetzt. Sex, drugs and Rock ‘n’ Roll sind zum hedonistischen Dreigespann einer neuen Generation geworden, die der gutbürgerlichen Kultur ihrer Eltern einen gehörigen Schock beigebracht hat.
Teil 2: Die 60er Jahre
Der junge Robert Allan Zimmermann, der sich Bob Dylan nennt und seine Eltern für tot erklärt, wird zum Star einer ganzen Reihe von Folk-Sängern in Amerika. Sie verstehen sich als Teil der Bürgerrechtsbewegung. Mitte der Sechziger Jahre (Like A Rolling Stone) begeht Dylan einen Bruch mit der Folk-Tradition. Seine Musik wird rockiger, seine Texte bringen Alltag, Träume und Visionen der Jugendlichen zur Sprache. Bob Dylans Songs sollten zum Soundtrack und seine Haltung zur Antriebsfeder der Jugendrebellion werden.
Zur gleichen Zeit schlagen sich geschniegelte Modernists und ungepflegte Rocker an Englands Südküste die Köpfe ein, während Amateurbands in den Provinzstädten an einer neuen Musikrichtung basteln, dem Beat, einer Mischung aus R&B und Skiffle, britischer Hausmusik. Mit der Hitsingle Love Me Do gelingt vier blutjungen Liverpoolern 1962 der Durchbruch. Ein Fieber greift um sich, das als „Beatlemania” in die Geschichte eingeht. Im April 1963 erscheint die erste LP der „Beatles” Please Please Me. Eine Erfolgsstory beginnt. Mit Liedern wie Can’t Buy Me Love, She Loves You und I Want To Hold Your Hand stellen die Beatles im März 1964 bereits 60% aller Plattenverkäufe in den USA. Tausende, vorwiegend weiblicher Fans, liegen den sympathischen Pilzköpfen bei ihren Auftritten kreischend zu Füßen.
Auch eine andere, mehr vom R&B beeinflusste Gruppe aus London, sollte Weltruhm erlangen. Der Musiker Mick Jagger gründet 1962 die „Rolling Stones”. In der Presse bezeichnet man sie fälschlicherweise als Gegenspieler der Beatles. Provokante Liedtexte und aggressives Bühnengebaren bringen den „Stones” Beinamen ein, wie „Die bösen Buben des Blues” oder „Höhlenmenschenquintett”, worüber diese nur milde lächeln können. Ihr Satisfaction und My Generation von „The Who” werden 1965 zu Protestsymbolen einer ganzen Generation.
In der zweiten Hälfte der Sechziger Jahre geht von San Francisco vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges eine neue Jugendbewegung aus. Die engen Straßen des Künstlerviertels Haight Ashbury, liebevoll Hashbury genannt, sind 1967 erfüllt von indischen Sitarklängen. Ein Mekka für die langhaarigen Love&Peace suchenden Blumenkinder. Ausgedehnte Improvisationen und sphärische Klänge sind Kennzeichen ihrer Musik, des Psychedelic Rock, zu dessen Vertretern „Jefferson Airplane” oder „Grateful Dead” gehörten. Die Langspielplatte, mit avantgardistisch gestaltetem Cover, wird zum Gesamtkunstwerk erhoben. Bewusstseinserweiternde Drogen wie LSD und Marihuana sind das täglich Brot, nicht nur in der Musikszene. Bunte Lichtshows sollen die Wirkung der Drogen noch verstärken. Fast eine halbe Million Jugendliche versammeln sich im August 1969 nahe der kleinen Gemeinde Woodstock zu einem dreitägigen friedlichen „Make Love, Not War”. Der Höhepunkt der Hippiebewegung ist zu diesem Zeitpunkt aber bereits vorbei.
Teil 3: Die 70er Jahre
In der BRD vollzieht sich in der 2. Hälfte der Sechziger Jahre eine Loslösung vom Vorbild im Ausland. Die von zwei Absolventen der Remscheider Jazzakademie gegründete Gruppe „Kraftwerk” oder „Amon Düül” liefern einen eigenen erfolgreichen Beitrag zur elektronischen Musik. Die englische Presse bezeichnet diese deutsche Antwort auf den Psychedelic Rock als „Krautrock”.
Zu Beginn der Siebziger Jahre erfährt die Popmusik eine Desillusionierung. Nach der Ermordung Martin Luther Kings gibt es Spannungen zwischen weißer und schwarzer Musik. Die Beatles haben sich aufgelöst, bedeutende Größen, wie Jimi Hendrix, Janis Joplin oder der Doors-Sänger Jim Morrison sind Opfer ihres Drogen- oder Alkoholkonsums geworden. In einer Zeit, in der lange Haare kein Zeichen des Aufruhrs mehr sind, muss die Jugend neue schrillere Wege für ihre Gegenkultur finden.
David Bowie, gelernter Pantomime und, zusammen mit der Gruppe „Kiss”, Vorreiter des Glam-Rock ist ein „Chamäleon der Rockmusik”. Er füllt das auf der Bühne entstandene Vakuum mit schillernder Selbstinszenierung auf Plateausohlen. Pete Townshend von „The Who” hat die Rockoper für sich entdeckt. Überhaupt beginnt eine Auffächerung der Rockentwicklung. Aus dem Hard Rock bildet sich später der düstere Heavy Metal mit unzähligen Varianten heraus. Das Discozeitalter hat eine schlagartige Aufblähung des Musikmarktes zur Folge. Immer mehr Interpreten vorwiegend afroamerikanischer Herkunft wie „Silver Convention” oder „Boney M.” bewegen sich mit floskelhaftem Gesang zu abgemischten Bass- und Klangschablonen, was später Standard in der Popmusik werden sollte.
Seit den 70er Jahren hat sich der Reggae in der internationalen Popkultur etabliert. Seine Wurzeln gehen mit Bob Marley zurück auf den Beginn der Sechziger Jahre, als Jamaica von England unabhängig wurde. Der Reggae wird später von dreadlockigen Rastafaries gehört. Die Rastas sind eine einheimische Sekte, die sich den Protest gegen die Kultur der Weißen auf die Fahnen schreibt.
In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts setzen die Punks aus England der glitzernden Dekade ein lautstarkes Ende. Man trage Springerstiefel, Hundehalsbänder, zerschlissene Tweedstoffe, Sicherheitsnadeln im Ohr und grellbunt abstehendes Haar: Fertig ist die neue nonkonforme Subkultur! Die „Sex Pistols” und „The Clash” gehören damals zu den Punkbands der ersten Stunde. Der Punk zerschlug alles, was dem Rock ‘n’ Roll lieb war und setzte doch für die Zukunft doch bemerkenswerte Akzente.
Teil 4: Die 80er Jahre
Als am 1. August 1981 der erste Musiksender MTV in Amerika mit Video Killed the Radio Star von den „Buggles” sein Programm aufnimmt, ahnt wohl noch niemand, dass dies der Beginn einer neuen Ära in der Popmusik sein würde. Das Pop-Idol war fortan zu jeder Zeit visuell verfügbar. In den Achtziger Jahren versprühen die Bilder aber oft noch den Charme einer Wohnzimmeratmosphäre.
In den schwarzen Wohnvierteln der amerikanischen Städte entsteht in den Siebziger Jahren eine neue Musikrichtung. Die Gangs im New Yorker Stadtteil Bronx leisten einen wesentlichen Beitrag. Neuartig ist weniger der der Funk-Musik entstammende Sprechgesang, sondern die Art des Musizierens: Rhythmisches manuelles Bewegen des Plattentellers und eine einfache Disco-Beat-Kollage, die mit der Drummachine erzeugt wird. Rapper’s Delight von der “Sugarhill Gang” aus dem Jahr 1979 gilt allgemein als Prototyp des Rap und Basis für den Breakdance. Im Laufe der 80er Jahre kopieren zunehmend Jugendliche anderer Nationalitäten diese Musik.
„All you Hippies better start to face reality”. Was der Punk in der wirtschaftlichen Hoffnungslosigkeit Ende der Siebziger Jahre losgetreten hat, wird im New Wave und Elektropop der Achtziger weiterverarbeitet. Die düsteren Texte der Gruppe „Joy Division” (Love Will Tear Us Apart) spiegeln zerrissene innere Zustände wieder. Im Kontext moderner High-Tech-Kultur wird Pop v.a. mit dem Synthesizer produziert. Man schöpft durch Sampling aus dem Fundus der bisherigen Popmusik. Die Interpreten der Gruppe „Kraftwerk” tragen graue Anzüge oder Overalls. Leblose Gesichtszüge und roboterartige Bewegungen symbolisieren Faszination und Schrecken der alltäglich gewordenen Beziehung Mensch-Maschine.
In den Großstädten der Bundesrepublik erheben sich derweil unzählige deutschsprachige Bands aus dem Dunstkreis von Punk und New Wave. In sprichwörtlich dadaistischer Manier und mit geringsten musikalischen Mitteln gelingt der Gruppe Trio 1981 mit Da Da Da der Durchbruch. Gabriele Susanne Kerner aus Hagen, alias „Nena”, wird mit 99 Luftballons 1982 sogar in den USA zum Superstar. Der Zenit der Neuen Deutschen Welle war jedoch erreicht. Bereits ein Jahr später zerschellt sie am Fels der Musikindustrie.
Es ist der Beginn einer Atomisierung der Musiklandschaft. Viele gute Gruppen verschwinden wieder in der Versenkung. Die Popikone Michael Jackson sollte es nicht so schnell. Sein Album Thriller aus dem Jahr 1983 wird zur meistverkauften Platte in der Geschichte der Popmusik. Emanzipiert behauptet sich auch die holde Weiblichkeit im Musikgeschäft, man denke nur an das androgyne Wesen Annie Lennox, an „Madonna” oder an Cyndi Laupers Girls Just Wanna Have Fun. So etwas hatte es zuvor nicht gegeben!
Teil 5: Die 90er Jahre
Während das Lambada-Fieber langsam sinkt, das die Welt 1989 gepackt hat, hält der Dancefloor flächendeckend in den Discotheken Einzug. House, ein Trend aus Chicago, ist unter anderem dafür verantwortlich. In Detroit erscheint 1988 das Album Techno. The Dance Tracks from Detroit. Damit ist die Geburtsstunde einer neuen Musik gekommen. Anfang der Neunziger ist Berlin Veranstaltungsort für diverse Techno-Parties, auf denen beim Tanzen fleißig Ecstasy und LSD konsumiert wird. Moderne Software, die Klänge und Rhythmen digital erzeugen kann, macht den DJ zum eigenständigen Künstler. Sven Väth, Urvater des Techno, entwirft einen Sound, dem Gruppen wie „Snap” und „Culture Beat” später folgen sollten. Anders als die Musik früherer Generationen kommen Techno und Rave nicht rebellisch daher. Unpolitisch, zukunfts- und konsumorientiert zeigt sich die Jugend. Sie betitelt sich als „Fungeneration” und will einfach Spaß haben. 1989 findet in Berlin die erste „Love Parade” statt. 150 Personen nehmen daran teil.
Gegen das verlogene Rockbusiness wendet sich eine Untergrundbewegung aus Seattle, der Grunge. Das Album Nevermind von „Nirvana” verkauft sich 1991 10 Millionen Mal. Nach dem Selbstmord des Sängers Kurt Cobain 1994, überlebt der Grunge im Mainstream koexistierender Minderheiten.
Ein Phänomen hat man, bzw. frau in diesem Jahrzehnt hassen oder lieben gelernt: Die Boygroups. Nach „New Kids On the Block” sind „Take That” das Paradebeispiel für perfekte Tanzeinlagen und einstudierten schmachtenden Gesang, vorgetragen von ein paar gutaussehenden Jungspunden mit Colgatelächeln. Ab Mitte der Neunziger gibt es das ganze auch in weiblicher Form: Die fünf zusammengestellten „Spice Girls”, stellen rigorose Forderungen an die Männerwelt.
Die Welt des Pop ist heutzutage weniger ein authentischer gesellschaftlicher Gegenentwurf. Jeder nur erdenkliche Geschmack kann über verschiedenste Medien befriedigt werden. Wirklich bahnbrechende Neuerungen sind in jüngerer Zeit nicht zu finden, des öfteren finden sich jedoch Anklänge an vergangene Jugendkulturen. Das Fernsehen ist hauptsächlich die Instanz für das, was gerade angesagt ist. Der Interpret setzt sich vermehrt visuell in Szene. Die Musik steht dabei nicht so sehr im Vordergrund. Wie sich das Wesen der Popmusik weiterhin verändert, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, um es einmal mit den Worten Tom Holerts auszudrücken: „Pop, das ist – im besten Fall – immer das, was kommt. Was sein wird. Was die Gegenwart erlöst von ihrem Gewicht.” (Kemper 1999, S. 33)
Die Informationen zu den Texten sind zum größten Teil entnommen aus P. Kemper (Hrsg.), Alles so schön bunt hier. Die Geschichte der Popkultur von den Fünfzigern bis heute, Stuttgart 1999