Ein Triumph für die Demokratie dieser Tage! Das machtpolitische Gefüge des alten Parteiensystems ist sichtbar aufgebrochen. Unsere Kanzlerin zeigt uns eine alternative Form der Politikausübung, eine analytische Machtstrategie, die wenig ideologischen Zielen folgt, weshalb sie sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, sie laviere nur statt zu regieren. All jene sehen sich betrogen, die eine starke Führung brauchen, eine Führung, die Prinzipien folgt und diese auch ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzt. Damals in den 80ern hat der eiserne Vorhang so manche Debatte verhindert oder kaschiert. Getragen vom kommerziellen Aufwind blieb dieser politische Führungsstil auch nach dem Fall der Mauer noch attraktiv. Doch eine Politik, die frei nach Herrn Kohl an harten Fakten vorbeiführt und nach einem bewegungslos geregelten Schema weitermacht, ist nicht mehr realisierbar. Die Bürger sind kritischer geworden; die Stammwählerschaften brechen ein. Und welche Erkenntnis ziehen wir daraus? Politik ist relativ. Ein Zirkelschluss. Ein herrlich anzusehender Tanz um Macht und Geld. Auch die politische Couleur ist letztendlich relativ. Denn vermischt man die Farben aller Parteien, so erhält man einen grauen Einheitsbrei. Geträumt werden darf von einem leckeren Regierungs-Kuchen: Die Form besteht aus einem wertekonservativen Rahmen aus schwarzem Gusseisen. Die Zutaten für den Teig sind denkbar einfach: Grüne Visionen einer regenerativ bewirtschafteten Welt, abgeschmeckt mit der roten sozialphilosophischen Belesenheit eines Herrn Schmidt. Garniert wird der Kuchen großzügig mit gelbem, freiheitlich-liberalem Zuckerguss, dessen Geschmack jedoch nicht mit neoliberalen Zierperlen verdorben werden sollte.